Hat der Lockdown den Weg für 5G bereitet?

  • geschrieben von
  • .

Mit dem globalen Lockdown stieg auch die Nachfrage nach Video-Kommunikation und einer besseren Internetverbindung – ist dies nun der Startschuss für 5G?

Teilen

zwei Hände halten ein Handy

Hat das Homeoffice 5G zur ersten „Super-App“ gemacht?

Durch den weltweiten Lockdown hat sich die Art und Weise, wie wir Technologien und Telekommunikationsmedien nutzen und welche Rolle diese in unserem Leben spielen, enorm verändert. Während Text-Messages für die jüngere Generation und Telefonanrufe für die weniger Geschickten unter uns bislang gängige und vor allem ausreichende Kommunikationswege waren, werden diese unseren heutigen veränderten Bedürfnissen nicht mehr gerecht. Der Wunsch nach physischer Interaktion hat durch die soziale Isolation stark an Bedeutung gewonnen: ob ein Kneipenbesuch mit Freunden, Meetings mit Kunden, Familientreffen oder ein einfaches herzliches Gespräch. Denn weder Emoji’s noch unsere Stimme allein können Mimik und Gestik so übermitteln, wie sie durch eine kristallklare HD-Videoverbindung übertragen werden können. Als eine Folge des Lockdowns sehen wir daher eine erhöhte Nutzung von Video-First-Apps wie Zoom und Houseparty sowie Anstiege bei Video-Calls über Skype, Google Hangouts und FaceTime. Dieses veränderte Verhalten zusammen mit der wachsenden Nutzung von Video-Streaming führt zu einer deutlichen Erhöhung der Datenmenge und Bandbreite, die wir heute routinemäßig benötigen.

 

Der Lockdown erhöht die Nutzung des mobilen Breitbandnetzes

Schnelles und zuverlässiges Internet ist heutzutage eine Grundvoraussetzung und nicht mehr nur ein Luxus. Dennoch werden die meisten Haushalte nur von einfachen Breitbandnetzen versorgt, die nicht unbedingt für hohe Datenmengen, wie wir sie während des Lockdowns erlebt haben, geeignet sind.

In den USA meldet Verizon einen Nutzungsanstieg von Online-Gaming um 115 Prozent und AT&T nimmt an, dass der Netflix-Traffic in ihrem US-Netzwerk ein neues Rekordniveau erreicht. Ebenso meldete Openreach aus Großbritannien, die den Großteil der Breitband-Infrastruktur des Landes betreibt, dass sie Ende März einen Anstieg des Traffics auf 51 Petabyte (PB) pro Tag gegenüber 28 PB noch drei Wochen zuvor (Anmerkung: 1PB = 1 Million GB) verzeichneten. Auch unsere Awin Daten für den Breitband-Kauf in Großbritannien spiegeln diesen Nachfrageanstieg wider, wobei es im März einige der höchsten Verkaufstage 2020 gab. Nichtsdestotrotz begrenzen eine Reihe von Telco-Unternehmen jetzt die Installationen, was zu einem Umdenken hinsichtlich der Rolle des mobilen Internets führt.

Lange Zeit war das mobile Breitbandnetz ein kleines Nischenprodukt. Denn das mobile Internet war nur für die Nutzung für unterwegs gedacht, da die Verbindung zu Hause als zuverlässiger angesehen wurde. Doch mit der Nutzungseinschränkung des kabelgebundenen Breitbandangebots zeigen unsere Daten aus Großbritannien eine Zunahme in der mobilen Nutzung: Diese war im März um ganze 88 Prozent höher als im Monat zuvor. Ähnliche Zuwächse für mobile Breitbandprodukte melden auch verschiedene Advertiser aus der Telco-Branche in Europa. Und der Grund dafür scheint offensichtlich: Da viele Verbraucher nicht auf Glasfaser umsteigen können, surfen sie mit langsamen kupferbasierten Verbindungen. Aus diesem Grund wird Breitband als eine realisierbare, zuverlässige und wünschenswerte Alternative betrachtet.

Entwicklung in UK

Um die mobile Verbindung auch bei neuen Zielgruppen bekannt zu machen, haben sich bereits eine Reihe von Initiativen gebildet. Aber auch  große Netzwerke in Großbritannien, den USA und in Europa stellen kostenlos Daten zur Verfügung, damit Menschen in dieser herausfordernden Zeit auf Inhalte zugreifen und in Verbindung bleiben können. Ein Beispiel dafür ist die Deutsche Telekom: Das Unternehmen stellt 10.000 Pflegeheimen Smartphones mit 10 GB Daten pro Monat für einen symbolischen Preis von 1 EUR zur Verfügung, wobei in den ersten 24 Monaten keine Gebühren anfallen. Damit wird das volle Potenzial der mobilen Verbindung für Menschen zugänglich, deren derzeitige Mobiltelefonerfahrung höchstwahrscheinlich auf ein altes Nokia Handy beschränkt war.

 

Erreicht 4G seine Grenzen?

Je mehr mobile Daten wir nutzen, desto mehr reizen wir die Grenzen der 4G-LTE-Technlogie aus. Daher hat Vodafone in Deutschland im Juli 2019 das erste 5G-Netz gestartet. Ziel ist es, bis Ende 2020 10 Millionen Menschen und bis Ende 2021 20 Millionen Menschen mit 5G zu erreichen. Doch die Telekom merkt an, dass die in 2019 vergebenen 5G-Frequenzen derzeit nur eine geringe Reichweite haben, wodurch die Antennenstandorte weiter ausgebaut werden müssen, um auch in stark frequentierten Regionen ein schnelles und zuverlässiges mobiles Internet gewährleisten zu können. Während also in Deutschland zunächst der Netzausbau erweitert werden muss, gibt es in bereits fortgeschritteneren Regionen andere Herausforderungen: Denn obwohl 5G in der Werbung relativ stark angepriesen wurde, hält sich die Nachfrage der Verbraucher in Grenzen. Im vergangenen Jahr wurden zahlreiche 5G-Mobiltelefone auf den Markt gebracht, jedoch zeigte sich schon nach kurzer Zeit, dass es sich bei der schnellen Verbindung noch nicht um ein Massenmarkt taugliches Feature handelte. Samsung hat 5G zwar als Standard in seine Galaxy S20+ und Galaxy S20 Ultra Modelle integriert – aber der Ansturm der Verbraucher blieb aus. Tatsächlich hat die Technologie in den letzten Wochen mehr Presse für die substanzlosen Internet-Verschwörungstheorien erhalten, die eine Verbindung zwischen ihr und dem Ausbruch der globalen Pandemie herstellen, als für ihr technologisches Potenzial. Wenn man sich jedoch die Evolution des Mobilfunkstandards in der Vergangenheit vor Augen hält, ist die Nachfrage der Verbraucher vielleicht jetzt so groß, dass sie das Potenzial von 5G erkennen – und die Welt sich durch den Lockdown endlich seiner „Super-Anwendung“ bewusst wird.

 

Die steigende Sehnsucht nach schnellerem Internet deutet darauf hin, dass die Zeit des 5G gekommen sein könnte

Obwohl es als das Tor zum mobilen Web vermarktet wurde, unterstützte das erste iPhone 2007 zunächst nur EDGE (2G). User waren frustriert über die langsamen Ladezeiten und forderten schnellere Geschwindigkeiten. Dieses Bedürfnis führte dazu, dass die Verbraucher schnell 3G auf ihren iPhones verwendeten. Doch diese Grenzen wurden schnell ausgereizt, als Dienste wie Instagram auftauchten und die Leute anfingen, YouTube unterwegs zu nutzen. Die anschließende weltweite Einführung von 4G in den frühen 2010er Jahren ermöglichte einen höheren mobilen Videokonsum. Heute können wir in weniger als einer Minute Tiger King im Zug sehen oder Videos auf TikTok und Instagram hochladen. Was ist also der Grund dafür, dass die Einführung von 5G so schleichend vorangeht? Ganz einfach: 4G ist für unsere aktuellen Bedürfnisse gut genug – zumindest war das bis jetzt der Fall. Der weltweite Lockdown hat zu neuen Verhaltensweisen der Verbraucher geführt, sodass wir nun immer mehr von datenintensiver Videokommunikation abhängig sind. Und diese Nachfrage kommt nicht nur von Digital Natives, sondern von weiten Teilen der Bevölkerung. Wenn ich ein persönliches Beispiel anbringen darf: Meine Eltern rufen mich jetzt standardmäßig über Google Duo an und wo ich meine Freunde treffe, hängt davon ab, welcher Dienst mehrere Video-Feeds gleichzeitig unterstützt. Außerdem muss ich im Homeoffice jetzt spätestens um 9 Uhr morgens meinen Schlafanzug ausziehen, da jedes Meeting vor der Kamera stattfindet. Wenn der Lockdown endlich vorbei ist, glaube ich, dass wir nicht mehr bereit sein werden, einen Anruf zu tätigen, indem wir uns eine teure Glasscheibe ans Ohr drücken. Stattdessen werden Video-Calls der neue Kommunikationsstandard sein.

Sollte dies so geschehen, wird 5G der Schlüssel zu dieser Veränderung sein, da die kurzen Ladezeiten und hohen Geschwindigkeiten entscheidend für die geforderte Videoqualität sind. Durch die erwartete weltweite Zunahme der datenintensiven Internetnutzung nach dem Lockdown und der ständig wachsenden Nachfrage nach qualitativ hochwertigem Videokonsum – standortunabhängig - könnte 5G endlich seinen „Moment“ haben.

Wenn dem so ist, werde ich auch in eine kamerafreundliche Hautpflege investieren.

Teilen